Northern Lights


Wie im Himmel
Neue Rheingauer Kantorei präsentierte moderne Chormusik aus Skandinavien

Rheingau-Echo, 13.02.2014

Geisenheim. (sf) — "Wie im Himmel" heißt ein anrührender und sehr erfolgreicher Film, der vor einigen Jahren schon in aller Welt klarmachte, welchen Stellenwert der Chorgesang in Skandinavien hat. Dieses "himmlische Phänomen" hat jetzt die Neue Rheingauer Kantorei aufgegriffen und mit ihrem außergewöhnlichen Konzertprogramm "Northern Lights - Lichter des Nordens" eine wunderbare musikalische Reise nach Skandinavien unternommen.

Mit an Bord bei der Premiere dieses wundervollen Konzertes waren mehrere hundert Besucher in den vergangenen beiden Sonntagen in der evangelischen Kirche in Geisenheim und in St. Martin in Oestrich. Voll besetzt bis auf den allerletzten Platz nahmen es sogar einige Zuhörer auf sich, das Konzert stehend zu erleben, so faszinierend war da, was die Neue Rheingauer Kantorei unter der Leitung ihres Dirigenten Tassilo Schlenther hier bot.

"Allein in Schweden betätigen sich rund zehn Prozent der Bevölkerung in einem Chor, und in Norwegen schätzt man die Zahl der sängerisch aktiven Personen auf 125.000 und das in einem Land mit weniger als 4 Millionen Einwohner", ließ der Chor sein Publikum erläuternd wissen. Das Singen kann schon als eine Art von Volkssport in Skandinavien bezeichnet werden, und es gibt kaum eine Region, wo mehr zeitgenössische geistliche Chormusik komponiert und gepflegt wird als Nordeuropa und das Baltikum. Da es jedoch unmöglich wäre, diesen immensen musikalischen Reichtum in einem einzelnen Konzert abzudecken, habe man eine kleine Auswahl von vor allem neueren und "jungen" skandinavischen Kompositionen, von denen einige erst fünf oder zehn Jahre alt seien, ausgewählt, um einen kleinen Eindruck vermitteln zu können.

Und den bekamen die begeisterten Gäste, darunter viele Nordfans, die seit Jahren Urlaub in Skandinavien machen und ihre eigenen Erinnerungen an den Norden Europas durchaus in den dargebrachten Liedern wiederfanden. Den Anfang machten das "Prelude" und das "Ubi Caritas" von Ola Gjeilo. Der 1978 geborene Norweger stammt aus Oslo, studierte dort sowie beim Royal College of Music in London und hat bereits mehrere hochrangige Auszeichnungen für seine Werke erhalten. Ola Gjeilo war dann auch später im Programm mit dem titelgebenden Stück "Northern Lights" sowie "Serenity" und "Unicornis Captivatur" zum Abschluss zu hören.

Mit Hakan Parkman und seinen spielerisch-leichten Shakespeare-Vertonungen "Madrigal" und dem "Sonet 76" aus "Three Shakespeare Songs" ging die musikalische Reise weiter nach Schweden. Gerade diese beiden Stücke entpuppten sich als gutes Beispiel, wie unbefangen und locker sich die neue skandinavische Chormusik von allen möglichen kulturellen Einflüssen inspirieren lässt.

Hörenswert war auch ein Ausschnitt schwedischer weltlicher Chorlyrik aus dem 19. Jahrhundert: Von Wilhelm Peterson-Berger wurde das "Vessleblomme", komponiert 1898, gesungen. Das Publikum in Geisenheim spürte beim Hören sofort seine Lebensfreude und tiefe Naturverbundenheit, obwohl der Text in einem der beiden norwegischen Dialekte, dem "Nynorsk", abgefasst ist und von dem norwegischen Nationaldichter Bjornstjerne Bjornson stammt, dem ersten skandinavischen Literaturnobelpreisträger.

Mit dem "Lied an Farö", 1976 komponiert von der schwedischen Dichterin und Liedsängerin Elisabet Hermodsson ging es weiter. Das Lied ist in Schweden sehr populär und beschreibt die herbe Naturschönheit der Insel Farö in der Ostsee.

Danach stand der letzte Programmteil mit geistlicher Musik aus dem Norden an, welche einlud, einem tiefen inneren Frieden nachzufühlen. So auch zum Beispiel der erste Chorsatz, das titelgebende "Northern Lights" von Ola Gjeilo, das der Komponist tatsächlich beim Anblick der Polarlichter in einer klaren norwegischen Winternacht komponierte. Von Knut Nystedt, 1915 in Oslo geboren und mit über 300 Kompositionen einer der Altmeister der modernen skandinavischen Chormusik, stellte der Chor "Immortal Bach" vor, ein eindrucksvolles Klang-Arrangement des geistlichen Liedes "Komm, süßer Tod", das original aus Johann Sebastian Bachs "Schemelli"-Gesangbuch stammt. Kilian Balzer vom renommierten Ensemble "Glob'Arte" begleitete die Neuen Rheingauer Kantorei dann beim "Sanctus" von Jan Sandström und bei der Motette "O Magnum Mysterium" von Ola Gjeilo für Chor und ein Streichinstrument am Cello. Und mit dem vom mittelalterlicher Melodik und Rhythmik dominierten Stück "Unicornis Captivatur", 2001 ebenfalls von Ola Gjeilo komponiert, ging das Konzert fulminant zu Ende.